Game over

Als ich aufwachte, war er längst gegangen. Ich kannte das von ihm, das übliche Verschwinden. Die Angst vor dem Sterben der Nacht und somit vor der Realität ließ ihn jedes Mal vor mir flüchten. Trotzdem trafen wir uns ein halbes Jahr regelmäßig immer wieder, um uns an der Gegenwart des Anderen zu ergötzen. Tranken zu viel Wein und tanzten über den nächtlich-dunklen Trottoir, weil uns die Türsteher keinen Einlass gewährten. Danach torkelten wir betrunken, halb von Alkohol und halb von der gegenseitigen Anziehung, zu ihm oder zu mir, um am nächsten Morgen völlig unberührt und jungfräulich ineinander verknotet, aufzuwachen.

Als er das erste Mal flüchtete, hatte er keinen bestimmten Grund und ich nahm es ihm auch nicht übel, weil ich wusste, dass wir uns wiedersehen würden. Heute weiß ich, dass ihn unsere geheimen Treffen mehr ängstigten, als er zugeben mochte. Schließlich war er es, der in einer Beziehung lebte und nicht wusste ob er sich am Rande des Verbotenen aufhielt. Für Außenstehende wäre unsere Geschichte nicht begreifbar gewesen. Verständlich, denn niemand würde uns glauben, dass wir nur neben- und nicht miteinander schliefen. Wir kannten uns noch nicht lange, bevor er mich fragte, ob er mich richtig kennen lernen dürfe und ob ich bei dem Spiel mitmachen wolle. Sein Spiel, seine Regeln, aber auch sein »Nein«. Davon gab es viele. Allerdings waren die Grenzen zwischen Erlaubtem und Verbotenem fließend. Ich wusste nie, was die Momente, die so danach schrien, genutzt zu werden, zuließen. Einmal küsste ich ihn, umgeben von wütenden Tänzern und hässlichen Musikrhythmen, weil es sich richtig anfühlte und um seine Reaktion abzuwarten. Er verhinderte es nicht, wollte aber andererseits daran nicht teilnehmen. Meine Küsse waren nie wirklich ernst gemeint und dadurch, dass sie nicht erwidert wurden, verblassten die Erinnerungen daran von Bier zu Bier.

Die wenigen Morgen, die er blieb, verbrachte ich mit dem Kopf unter seiner Achsel liegend, der verschlafenen Geruch seiner Haut einatmend. Dieser schwere, verschwitzte Geruch, der mir an mir selber so zuwider war, sog ich so tief ein, dass mir oft schwindelig wurde. Ich hoffte, dass er nicht bemerkte, wie ich meine Nase immer tiefer in seiner Armhöhle vergrub. Ich mochte seinen Körper, auch wenn er es vorzog, ihn vor mir zu verstecken, indem er seine hoch-rutschenden T-Shirts immer wieder herunterzog. Manchmal drückte er mich so fest an sich, dass ich meinen Atem anhalten musste um nicht nach Luft zu ringen. Unsere Beine waren währenddessen ineinander verschlungen, wie es nur eine Schlange im Todestanz mit ihren Opfern nachahmen konnte. Er war in der Lage, die ganz Nacht in dieser Position zu schlafen und mir gefiel, wie er mich mit seinem Körper wie Geschenkpapier umwickelte. Wenn er seine Füße auf meine schob, bemängelte er stets die Socken, die ich auch im Bett trug. Ich freute mich, da er keinerlei Anspruch darauf hatte, dass ich diese auszog.

Ich verstand nie, warum ihm diese Treffen so wichtig waren, aus welchem Grund er überhaupt in einer festen Beziehung verweilte und trotzdem alle paar Wochen ungesehen daraus ausbrach. Er sprach nie von ihr und doch hörte ich einmal von anderen ohne es eigentlich wissen zu wollen, dass sie es vorzog, ihr eigenes ungebundenes Leben zu führen und ihn lediglich kurzfristig zu einem Teil davon machte. Zumindest erkannte ich daran seinen Mangel und das Bedürfnis nach körperlicher Nähe. Ich stand ihm gern zur Verfügung ohne zu bemerken, wie gefährlich das Ganze war. Er hatte die Macht, das Spiel jederzeit abzubrechen. Deshalb galt es, unter keinen Umständen mehr Gefühle zu investieren, als die, die ohnehin schon auf ihren Startschuss warteten.

Manchmal stellte ich mir vor, wie es wäre, wenn wir einmal die Grenzen überschreiten würden. Wie es wäre, unser Geheimnis öffentlich zu machen. Heute glaube ich, dass es ohne den Reiz des Heimlichen, zwischen uns zu gar nichts geführt hätte. Seit 1½ Jahren hat es sich nun ausgespielt. Die Treffen wurden immer weniger, bis sie gar nicht mehr stattfanden. Dass es »uns« gegeben hat, wird niemand beweisen können und auch ich bin mir nicht sicher, ob dies alles der Realität entsprach. Alle Nachrichten, die wir uns schrieben, waren längst gelöscht, so wie die Bilder der Nächte und der feine Geruch in meinen Bettlaken. Diese Beziehung wuchs aus einem Vakuum hervor, denn wir hätten uns eigentlich gegenseitig niemals gebraucht. Und genauso leise und heimlich, wie wir zueinander gefunden haben, verschwand dieses Gefühl in der lauten Dunkelheit der Nacht, um die nächsten Opfer hinterlistig zu überfallen. Ab und an treffe ich ihn in den Bars, die wir früher zusammen besuchten. Dort steht er dann, winkt flüchtig und ich frage mich, ob er mich jetzt genug kennt.

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