Samstagnachtgeschichten

Samstagnachtgeschichten

Eine Ligatur mit Wörtern und Sätzen von Sarah Riedeberger und Julia Feller, entstanden in der grauen samstäglichen September-Nacht.
Wir haben keine Freunde, sondern nur Worte. Am Anfang war das Wort und es entstand auf dem Sofa. Du bist mein Wort und ich liebe dich häßlichst seit fünf Jahren.

Ich schenke dir zu Weihnachten eine gute Freundin. Wenigstens eine. Damit da mal wer ist, der nach dir guckt und dich sucht, wenn du dich unter Schnee und Wein und Kissen in Wollsocken versteckst.

Und Morgen, wenn der Tag gefüllt werden muss, denke ich an dich. Aber selbst meine Taschentücher versprechen mehr Inhalt als du. Flauschig. Und fest. Mit Balsam. Die Taschentücher sind zwar auch nur von Rewe. Nichts besonderes. So wie der Wein, ganz praktisch im Tetrapack und die abgepackten Gefühle, die du mit dem Wurstpaket in den scheiß Drahtwagen legst. Aber sie sind wenigstens irgendwas. Haben Verpackungen, so nützlich, du kannst alles aufreißen, dich dabei wie Superman fühlen, es kurz anstarren und dann den Inhalt in dich füllen.
Was willst du eigentlich? Von dir, von mir, von dem Konstrukt des „uns“. Wenn ich in dein Gesicht schaue, sehe ich einen toten Briefka
sten. Voll mit Mahnungen starrst du zurück und fragst mich, wo genau mein Problem liegt. Mein Problem liegt in dir drinnen. Ganz, ganz unten. Unter sieben Hautschichten und elf Briefen, alle von mir, mit dem Inhalt: Ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich. Aber nie kommt es an. Nie kommt irgendwas bei dir an. Nicht einmal die Frage: Wie geht es dir jetzt eigentlich? Nicht einmal: ermitteln wir noch zusammen bei Tatort oder nicht?
Schau dir doch die Straßen an, die du in Trümmern hinterlässt, wenn du über sie läufst. Unbeabsichtigt und doch bilden die Schlaglöch
er große blutige Krater, in denen ich tagtäglich ertrinke. Selbst wenn du wolltest, könntest du mich nicht retten, weil du vorher abgebogen bist. Vorfahrtstraße. Keine Versprechungen, nur Ausreden: ein neuer Job, einmal Luftholen, ein Konzert, einmal im Bett bleiben, eine Verabredung, einmal Zigarettenholen (und nie wieder kommen) einmal gleich die erste Ausfahrt nehmen, einmal die ersten Lippen küssen, einmal den ersten Antrag annehmen, einmal und nie mehr zurückgehen. Zu mir. Ich stehe im Regen, im tiefschwarzem Mantel und sage dir: ich warte hier. Werde verschluckt von Farbe, Blitz und Donner und muss den Scheinwerfern der Autos ausweichen. Der nasse Asphalt spiegelt den Himmel wider. Vielleicht  sind es aber auch nur meine Gedanken, die silbern auf die Straße projiziert werden. Ich hab da diese Hoffnung. Dass du diese Straße überquerst, mich siehst, mich rettest, meine Gedanken aufhebst, sie bündelst und mir zurück ins Hirn klebst. Dass du mir von Dingen erzählst, die ich mir nicht nur ausgedacht habe. Dass du einfach da bist, und wir das machen, was wir noch nie konnten, aber immer wollten: reden, über das was wahr ist.
Ich verlange nicht viel, nur Bedingungslosigkeit. Dass jede deiner Zellen nach mir schreit, wenn ich nicht da bin. Denn das tun meine seit Anfang an. Zerbrechen und Platzen und laufen tränend aus. Das Ticken der Uhr kenne ich besser, als deinen Herzschlag.
Denn die Stille und ihr Rhythmus ist die einzige Musik, die ich höre. Ich will, ich will, ich will deinen Herzschlag hören, der mir sagt, dass zwar nicht alles gut wird, aber wir erst in frühestens vierzig Jahren sterben werden. Will dir erklären, was keinen Anfang hat, kann auch nicht zu Ende gehen. Wir sollten streiten und singen und uns die letzten Worte abringen. Nicht alles nett gesagte ist gut gemeint, aber was zählt ist bloß unsere scheiß Ehrlichkeit. Guck mal, sie liegt da, zwischen den Stühlen. Und versteckt sich unter den Krümeln des letzten gemeinsamen Frühstücks mit Croissants. Ja, denn Croissants waren für dich das non plus ultra des sonntäglichen Beziehungsfrühstücks. Getunkt in Marmelade und zuckrigen Lügen. Es hat niemand die Absicht, eine Mauer zu errichten. Wir ziehen sie zwischen uns hoch. Ich kann dich nicht mehr sehen. Eine letzte Antwort bist du mir noch schuldig. Was bleibt uns denn sonst außer Worten?

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4 Discussion to this post

  1. Ein Stück literarische Verzweiflung. Toller Text!

  2. dreieinsvier sagt:

    Gerne gelesen. Also was heißt gerne angesichts des Themas.
    Lieblingssatz, der sofort durchs Auge fiel und im Hirn landete: „Das Ticken der Uhr kenne ich besser als deinen Herzschlag.“

  3. […] aufmerksame Leser weiß: Die Autorin Sarah Riedeberger ist öfters zu Gast in diesem digitalen Haus. Für ihren Beitrag »11 Tipps für den Umgang mit […]

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