Highlight

S., du denkst ich sei so obercool, sitze den ganzen Tag mit dem Stift in der Hand am Schreibtisch, während mein Telefon pausenlos klingelt, weil jemand mit mir Kaffee trinken will. In Wahrheit klingelt hier nur manchmal die Müllabfuhr. Dann mache ich die Augen zu und stelle mir vor, das sei Applaus, während ich taub auf dem Sofa liege. So wie jetzt mit meinem abendlichen Müsli, in das ich Avocado geschnippelt hab, um mir mein Leben als young urban professional vorzugaukeln. Nur die scheiß Chiasamen fehlen mir zu meinem Großstädter-Sein. Die hab ich mit Absicht vergessen, an meinem einzigen Zufluchtsort, dem Supermarkt. Für den ich Inkarnat auflege, um den Ausflug dorthin zu bestreiten. Damit die Kassiererin nicht merkt, dass meine natürliche Hautfarbe grau ist und dass ich meinen endzwanziger Glow das Klo hinuntergespült habe. Ich kann mir Highlighter ins Gesicht schmieren, aber nicht ins Leben integrieren.
Nein, ich bin kein glücklicher Mensch, aber meistens ist das gar nicht so schlimm. Außerdem habe ich zum glücklich sein auch gar keine Lust. Den Wein, den ich gekauft habe, trinke ich mit einem rosa-weiß gestreiftem Strohhalm. Doppeltes Glück, zumindest zeitlich begrenzt und damit aushaltbar.
Ich bin 27 und erinnere dich an den Club mit der gleichnamigen Zahl. Nicht, dass ich den Drogenkonsum und den frühen Tod als erstebenswert ansehe, aber das Level an Ausdruck fehlt mir doch gänzlich. Ich lese die Brigitte, schaue mit Vergnügen Inas Nacht und bekomme Gänsehaut vom Titelsong der Lokalzeit. Und für den letzten beruflichen Funken an fame und fortune bin ich circa zehn Jahre zu alt: als redender Präsentator bei VIVA.
Also meine Liebe, ich halte fest: die hübschen Bilder meiner Internet-Präsenz kreieren Glanz und Gloria, wie einst selbige in den Achtzigern. Doch hier vor dem Computer müsste mal durchgewischt werden [quod esset demonstrandum].

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2 Discussion to this post

  1. Marla sagt:

    Das ist ein ganz toller Text – hab ich gerne gelesen.

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