Samstagnachtgeschichten 2

Sarah Riedeberger und ich haben es wieder getan. Die nächtlichen Geschichten Nr. 2, schwarz und aus dünnen Buchstaben zusammengeschrieben. Kein Filter, keine Retusche.

Schlafen ist auch keine Option. Dosenbier ist aber eine. Oder Schnaps, intravenös. Mich volllaufen lassen, um am nächsten Morgen auszubluten, wie ein angefahrenes Tier, liegend am Straßenrand. Alle Emotionen, wie Innereien raus. Aber da ist niemand, der das dann auffängt oder sogar entsorgt. Da ist niemand, der mein über-die-Strenge-Schlagen nach Hause trägt. Das muss auch keiner, denn dazu bin ich selbst fähig. Immer noch irgendwie, mit der letzten zittrigen Muskelkraft. Langsam, Zeitlupe. Kriechen. Dem weichen Badezimmer-Teppich ganz nah sein und darauf ausruhen. Aber dauerhaftes auf-dem-Teppich-Liegen ist was für Feiglinge und Arschkriecher, die über den Boden oder durch Gehirne robben, die ständig Luft holen und in Spas Kraft sammeln.
Ich stehe blutend auf, denn ich bin jung, ich bin wild und ich bin verdammt frei. Ich ziehe den Hut an, mit der Feder, die du damals daran befestigt hast und gehe raus. Auf die Straße, in den Wald. Dort stehen Tannen, größer als der Horizont der Menschheit. Grün wachsen sie in den Himmel und durchbohren die weißen Wolken. Öffnen ein Aquarium, es regnet. Es regnet pausenlos trübe Gedanken und dazwischen plötzlich Kondensstreifen am Himmel, wie Küsse, wie Lichtblicke, wie Hoffnungen, wie Ferien mitten im Hochbetrieb. So plötzlich. Und das ist so ein perfekter Moment, so einer, wie es ihn eigentlich nicht geben kann. Und doch ist er da, hier, im Wald, zwischen mir und der Tanne und… mir.

Von der Tür aus sehe ich die Salzstangen von gestern Nacht zertreten auf dem Teppich liegen und wenn ich die Augen schließe, blitzen ferne Galaxien und Sterne. Ich sollte mal Spülen. Das Geschirr und nicht zuletzt meinen Magen mit Kamillentee. Die Fenster sind schmutzig und um die Sonne hinein zu lassen, muss man sie erst öffnen. Die Wohnung ist mein Spiegelbild. Eine Eskalation aus Momenten, Menschen und dem Abklingen des letzten Augenblicks, ein es-war-einmal, ein ich-war-einmal. Ich war einmal ein bisschen zu frei, ein bisschen zu jung, ein bisschen zu wild. Ich habe keine Ahnung wo man anfängt und wo man neben den ganzen Bildern an der Wand ein bisschen Struktur anbringt. Ich hänge meinen Hut zurück an den Haken.
Meine Tapete besteht aus Millimeterpapier,
wenigstens dort herrscht Ordnung. Manchmal knibbel‘ ich die Seiten ab und schaue mir den Beton darunter an. Kalt und ein wenig nass kann man den Regen draußen erahnen. Ich rücke Tische und Schränke diagonal über Hamburger Dielenböden. Ich geb‘ mir mehr Mühe mit mir und der Person, die ich einmal war. Ich, alleine, in dieser großen Wohnung, Tapete auf Beton, alles funktioniert und hält irgendwie. Nur ich nicht in mir. Mir fehlt der Leim. Und wenn es dunkel ist, beobachte ich heimlich die Wohnungen gegenüber. Ich sehe dich, wie du zu Bloc Party  in deinen Stoppersocken über den PVC deiner Küche tanzt. Du reißt die Hände hoch, wie ein Kind, das den Armen seiner Mutter entgegenläuft. Der splitternde Boden unter meinen Füßen lässt mich nicht tanzen und die Musik hier beschränkt sich auf das Atmen der Pflanzen.
Ich lehne an einer Rotweinflasche, während ich in Scheiben und entfernte Gesichter gucke. In jedem dieser großen Fenster gegenüber brennt Licht, überall ist Bewegung und so was wie Glück. Ich wende mich ab, habe Angst herunter zu fallen vor lauter Starren und Staunen, Sehnen und Wünschen, Hoffen und unglücklichem Wissen. Ich habe Angst herunter zu fallen, obwohl ich doch im Souterrain bin. Ich weiß was wirklich nicht okay ist. Langsam flüstere ich es dem Rotwein zu: Ich. Vermisse. Alles. Und das ist eigentlich nichts. Das Erdloch ist meine Höhle, in der ich mich ver
stecke, wenn die Sterne zu laut sind und sich Menschen einladen, die ich mal kannte. Früher war mehr kennen und weniger “ich kannte” Heute bleibt nur noch ein letzter Gedanke. Daran, dass wir früher keine Limits hatten. Ich weiß noch, wie wir ganze Tage und Nächte durchtanzten, die Zeche prellten und durch die Stadt rannten, dabei laut lachten und morgens irgendwelche Leute auf meinem Sofa saßen und die Reste tranken. Heute ist das einzige Limit, nicht mehr an damals zu denken. Heute fehlen diese ganzen Möglichkeiten, weil innen Bewegungslosigkeit herrscht. Was bleibt ist nur Langeweile. Aber Schlafen ist halt auch keine Option.

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9 Discussion to this post

  1. Mike sagt:

    Versuches doch mal dem Wodka was zu flüstern.

    Ich finde es spannend Deine Zeilen / Gedanken zu lesen, weil ich glaube das Du so prinzipiell das Leben lebst, welches ich machmal so vermisse … scheinbar ohne feste Zeiten/Aufgaben … ohne Hamsterrad … allerdings laufen in meinem Hamsterrad auch noch 3 andere Wesen mit, die mit mir lachen, weinen, mit denen ich kuscheln und die Zukunft planen kann.

    Trotzdem würde ich manchmal gern mein Leben tauschen und mich der trübsinniger Langenweile, der Kunst, dem Rausch und manch anderen Dingen hingeben.

    • juliafeller sagt:

      Bei den Samstagnachtgeschichten handelt es sich ja um Prosa. Die ist zudem auch noch von zwei Menschen geschrieben und zum Teil auch Fiktion. Die „trübsinnige Langeweile“ -wie du sie beschreibst- ist allerdings gar nicht so bestrebenswert. Struktur und Hamsterräder sind gar nicht so schlecht. Man weiß wohin man laufen soll.

  2. Mike sagt:

    Nun ja … ich habe schon zur Kenntnis genommen, dass Du da mit jemanden zusammen dran schreibst … aber so wie ihr schreibt, bekomme ich eben das Gefühl, dass euch das nicht komplett fremd ist, was ihr da schreibt.

    ich glaube auch, dass mich die trübsinnige Langeweile schnell anöden würde. Aber die Freiheit zu haben sich dieser gelegentlich mal hinzugeben …. das ist für mich sowas wie … Luxus.

    Und richtig … man weiss mit Struktur und Hamsterrad wohin man laufen SOLL, aber nicht wohin man tatsächlich laufen will.

    • juliafeller sagt:

      Die Langeweile ist keine Tätigkeit, die wir aktiv ausüben. Sie wohnt in uns, im Text. Ist keine Freiheit, sondern fast schon Zwang. In Maßen vielleicht gesund, aber als Lebensweg unaushaltbar.
      Den Ausweg hierfür bringt das Sollen mit sich, wenn man selbst nicht weiß, was man will.

      • Mike sagt:

        Wenn man Langeweile nicht als Freiheit, sondern eher als Zwang sieht, dann finde ich das fast schon schade. Denn gerade in den Momenten der Langeweile bekam ich rückblickend die besten Gedanken und Ideen, seit ich keine Langeweile mehr habe bleiben diese besten Erkenntnisse nicht komplett aus, allerdings haben diese sich merklich reduziert. Auch und gerade im Zusammenhang mit einer (Liebes-)Beziehung ist ein Hamsterrad mit dem immergleichen Abspulen der täglichen struturellen Zwänge und Gewohnheiten nicht gerade förderlich – finde ich! Langeweile kann gerade diesbezüglich sozusagen Flügel verleihen,
        Nicht als dauerhafter Lebensweg, aber als Türoffner und Wegbereiter …

        Aber es stimmt schon … wenn nicht weiß, was man will, dann ist das SOLLEN durchaus hilfreich. Je älter ich werde (40) um so sicherer weiß ich, was ich will. Da brauche ich nicht unbedingt das Sollen, dann ist es eher das Wollen, dieses unbedingte Wollen welches in mir pocht, nur leider selten ausgelebt werden kann.

        • juliafeller sagt:

          Da hast du in allem recht. Nur ist vielleicht diese unsere „Langeweile“ auch nur ein Synonym für eine häßliche Phase, die sich nur sehr schwer bekämpfen lässt. Nicht mit Schwertern, mit Motivation oder gar durch Lust.

  3. Mike sagt:

    Manchmal fürchte ich das auf mich gerade auch so eine häßliche Phase (Midlife-Crisis) auf mich zukommt bzw. ich schon mitten drin stecke und daher mein Interesse an Prosa, Kunst, Kultur derzeit recht groß ist …. einfach um dem Kopf neues/anderes Futter zu geben, wieder Lust zu spüren und nicht nur die süßen Fesseln des Alltags.
    Ich wünsche Dir einen wundervollen Tag!

  4. Welch düstere Intensität! Toller Text! Das stelle ich mir spannend vor, so etwas zu zweit zu schreiben.
    Ja, manchmal ist das Sollen wirklich noch die einzige Rettung aus solchen Phasen der Sinnlosigkeit. Wenn man sich die Form nicht von innen geben kann, hilft es, wenn man sie von aussen bekommt.

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