One book a week: Jule Müller

Buch Jule Müller

Liebe Jule Müller,

wie soll ich nur beginnen? Vielleicht so: Es tut mir leid! Es tut mir leid für meine folgenden Kommentare. Denn ich habe Interviews von Ihnen gelesen und Sie waren Zucker. Ihr Buch ist allerdings alles andere.  „Früher war ich unentschlossen, jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher. Wie ich meine Zwanziger überlebte.“ nennt sich Ihre Episoden-Autobiographie. Ich, Ende zwanzig, sah mich schon lesend und unser beider Werdegänge analysieren. Ja, sogar vielleicht vergleichen, in welchem Alter Sie und ich Parallelen aufweisen. Diese fanden sich allerdings gar nicht. Ihr Debüt warf eher Fragen auf. Denn de facto handelt das Buch ständig von Männern oder dem Fehlen eines Mannes. Online-Datings werden ausprobiert, One-Night Stands – zumindest einer – werden erwähnt und die Enden mehrerer Beziehungen geben sich die Klinke in die Hand. Somit folgt der Schluss: Die Dekade bis zum 30. Lebensjahr sei für eine Frau lediglich die Suche nach einem Lebenspartner und weniger die Suche nach sich selbst. Blickt man auf Ihre Nebentätigkeit, so erfährt man von Ihrem eigenen Online-Single-Portal imgegenteil.de, welches grafisch den junggebliebenen, zeitgeistigen Großstädter anspricht. Sind die Männergeschichten im Buch die Legitimation für die Single-Börse? Oder dient das Buch im Umkehrschluss als Werbung? Es stellt sich außerdem die Frage: Stehen diese Situationen nun exemplarisch für das Erwachsenwerden?

Aber lassen Sie uns so chronologisch vorgehen, dem Aufbau des Buches entsprechend. Der Text fängt mit Ihrem 29. Geburtstag an, der zum Anlass genommen wird, auf die vermeintliche Jugend zurückzublicken. Sie beginnen dann inhaltlich nach dem Abitur. Hier jobbt Ihre Protagonistin Jule zu Beginn ihrer Zwanziger als Reiseführerin und sammelt erste Erfahrungen im Liebesleben. Ihr Freund Markus ist nicht nur knappe 10 Jahre älter, sondern auch heroinabhängig. Für Ihre Ich-Erzählerin scheint dies kein Problem zu sein, und auch die Mutter bleibt entspannt. Hauptsache, das Kind verfällt nicht selbst den Drogen. Eine unglaubliche Thematik, die wohl die wenigsten Ihrer Leser nachvollziehen können. Trotzdem: Die Drogenberichte sind eindrucksvoll geschildert. Man liest Sätze wie: „Manchmal malt er sich mit den Kanülen seiner Spritzen Bilder aus Blut auf den Oberarm – Schiffe und Blumen und Sonnen. Symbole der Hoffnung, des Glücks, der Wärme […]“ (S.45). Hier gelingt es Ihnen, die Situation ehrlich zu schildern, ja regelrecht zu dokumentieren. Doch gleich darauf verzetteln Sie sich in albernen Episoden. Beschrieben werden Momente des täglichen Lebens, wie zum Beispiel der Besuch eines Waxing-Studios, der Job bei Zara während eines London-Aufenthalts und Freundschafts-Tattoos. Diese Profanitäten scheinen erwähnenswert für den Werdegang der Protagonistin gewesen zu sein. Aber warum? Sicherlich haben die Geschehnisse den Reifeprozess unterstützt, sie verbleiben aber leider in der Schublade des Geistlosen. Es mangelt an Ausdruck und es fehlt die Einbettung in einen größeren Kontext. Dem Rezipienten bleibt verschlossen, welche größeren Bedeutungen darin für Jule und das Erwachsenwerden liegen.
Einige Lebensjahre scheinen auch erlebnisreicher gewesen zu sein als andere: So stehen lediglich drei Kapitel für das 26. Lebensjahr, allerdings acht Kapitel für das 28. Das Buch schreitet chronologisch voran, doch inhaltlich fehlt es an Struktur. In Kapitel 21 wird von einem Zahnarztbesuch berichtet. In der folgenden Episode mit dem Namen „Endstation Polenmarkt“ begleitet man die Protagonistin auf dem Fußweg über die polnische Grenze. Den roten Faden, den man als Leser mit der Lupe hinter jeder neuen Seite sucht, gibt es nicht. Lediglich der Wortwitz rettet den Leser durch die wahllosen Situationen. Dennoch: Es scheint, als gelinge es dem Text – unabhängig vom Alter der Erzählerin – bei ernsthaften Thematiken in die Tiefe zu gehen, wie bei ihrem beschriebenen AIDS-Test (mit 22) oder der Fehlgeburt ihrer Freundin (mit 29). Leidersind dies sehr kurze Episoden, die  unter den restlichen Trivialitäten verschüttet werden.

Die einzige Entwicklung der Autobiographie zeigt sich in der Sprache, die sich mit den fortschreitenden Kapiteln und dem Alter verändert und zum Glück vermehrt auf den anfänglichen Jugendjargon verzichtet. Die 20jährige Jule nutzt jeden Atemzyklus, um wenigstens einmal die Füllwörter „ey“ oder „voll“ zu verwenden. Wieso muss diese Sprachwand in der Tradition der Pop-Literatur weiterhin aufrechterhalten werden? Die künstliche Jugendlichkeit nervt. Schon bei „Relax“ von Alexa Hennig von Lange hält dies vom Lesen ab. Nur ist dieses Buch knappe 20 Jahre älter und sollte dazu veranlassen 2015 nicht mehr in dieser Wortwahl einzutauchen. Peinlich berührt liest man „Mein Leben ist gerade voll chaotisch.“ (S.12) oder „Bist du irre, Alter?“ (S.20). Dies sind allerdings nur zwei Beispiele der Jugendslang-Ergüsse. Der Anfang der Zwanziger ist zudem geschwängert mit Klischees. Man sei schüchtern und orientierungslos (S.12) und träume von „Erwachsenen-Dinge(n)“ wie „Sex und arbeiten und clubben und so.“ (S.11). Leider lässt jeder einzelne Satz erkennen, dass er aus den Fingern eines Erwachsenen stammt: Die Sprache fängt nicht das Bewusstsein der Jugend ein. Sie konstruiert eher eine fiktive Gattung derer und man mag kaum glauben, dass der gemeine „Twen“ wirklich so spricht.
Die Ausdrucksform passt sich zwar dem Alter an, die Inhalte der Kapitel allerdings nicht. So geht es unter anderem um eine Facebook-Abstinenz und auch eine „Männer-Checkliste“ findet Einzug in das Buch. Unterteilt in drei Sparten wird hier nach den allgemeinen Lebensumständen, körperlicher und geistiger Fitness und den Vorlieben gefragt. Ziel ist es, einen Mann zu finden, der die Fragen à la „Bist du rechtsradikal, Straight Edger, Mormone, PETA-Aktivist oder generell religiös?“ (S.237) gänzlich verneint. Man könnte meinen, man lese einen Test in der „Bravo“, tatsächlich ist die Protagonistin in dem Kapitel schon 28 Jahre alt. Ließe man die Nummerierungen der Kapitel weg, wäre es möglich, die Texte zufällig zu mischen, da sich scheinbar keine geistige Entwicklung einstellt. Jule altert ohne zu reifen. Spätestens nach dieser Erkenntnis holt einen der Titel des Buches ein: „Früher war ich unentschlossen, jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher.“ hätte mich darauf vorbereiten sollen, dass ich nicht mit Erkenntnis „im Alter“ hätte rechnen sollen. Der Zusatz „Wie ich meine Zwanziger überlebte.“ wähnte mich allerdings in der Illusion, dass es um einen Bewältigungsprozess gehen könnte.
In dem leicht zu lesenden Text verstecken sich außerdem Bilder, die es eigentlich nicht braucht. Man fragt sich als Leser gar: Was soll das? Gezeigt werden unter anderem Abbildungen von dem Nachrichtenverlauf eines Telefons, handgezeichnete Grafiken über die Liebe oder aber auch Illustrationen von einem Päckchen mit Blumensamen. Diesen Paratexten gelingt es nicht, die Stimmungen zu untermalen oder einen Mehrwert zu generieren. Sie unterbrechen lediglich den Lesefluss, auch wenn es nicht schwer ist, wieder in diesen hinein zu finden. Des Weiteren erschließt sich auch nicht, aus welchen Gründen sich jeweils eine dieser Illustrationen im dazugehörigen Kapitel befindet, da nicht jede Episode eine zusätzliche Bebilderung enthält. Wie auch schon bei den Erzählungen mangelt es hier an Struktur und die Zufälligkeit lässt den Leser ratlos zurück.

Ich habe mich täuschen lassen. Das Cover ist grafisch und „catchy“. Der Titel liest sich wie ein Ratgeber für die (angeblich) orientierungslose Zielgruppe der Generation Y, die zweifelsfrei mit dem Buch angesprochen werden soll. Es ist bunt, es ist laut und animierte mich zum Kauf. So konstruiert diese Generationen-Blase mit all ihren Vorurteilen ist, so bedient dieses Buch leider alle Klischees, um jenen Rezipienten zu gefallen.
Trotz seiner 300 Seiten dient das Buch dennoch gut als leichte Strandlektüre, da es sich einfach herunter liest. Als Geschenk für die vierzehnjährige Cousine, der man vorgaukeln kann, dieses Jahrzehnt mit all seinen Inhalten komme noch auf sie zu, eignet es sich außerdem. Der reflektierte Rezipient am Ende seiner Zwanziger jedoch schüttelt beim Lesen fragend den Kopf. Nicht, weil er sein eigenes Ich in den Erlebnissen wiederentdeckt, sondern sich fragt, wer wirklich so gelebt hat. Die gewählten Momentaufnahmen sind leider, bis auf wenige Ausnahmen, trivial. Beim Lesen wankt man zwischen Langeweile und Skepsis. Und auch die Sprache lässt einen betreten auf dem Sofa zurück.
Liebe Jule Müller, ich habe mich wirklich angestrengt, Ihr Buch zu mögen. Aber wie sehr Sie mich auch vom Cover anstrahlen, der Text hat mich leider enttäuscht. Denn vor dem Lesen Ihres Buches war ich unentschlossen, jetzt bin ich mir da so ziemlich sicher.

Jule Müller: Früher war ich unentschlossen, jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher. Wie ich meine Zwanziger überlebte. Knaur: München 2015.

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3 Discussion to this post

  1. Christine sagt:

    Ein wirklich guter Text! Ich kann absolut verstehen, warum dir das Buch nicht gefallen hat. Dein Text schildert das wirklich toll. Und vor allem: du äußerst Kritik ohne verletzend zu sein.
    Ich finde das zu Zeiten des Internets leider wahrlich eine Seltenheit und das ist echt traurig.
    Es hat Spaß gemacht deine Rezession zu lesen.
    Und um das Buch mache ich nen Bogen… ;)

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