Samstagnachtgeschichten 3

Von Sarah Riedeberger und mir.

Einheit

Einheit gleich Gesamtheit, ein Ganzes. Wir, wie ein Haus. Ein Dach und ein paar Stützbalken, ein euphorisch lächelndes Willkommens-Schild an der Tür. Zum Herzen des anderen. Verschwommen. Einige wilde Geschichten – ruhige Gedanken. Die aus den Ritzen im Beton wachsen. Dort zwischen Geschoss und Stockwerk. Du kennst den Unterschied und der besteht aus Holz. Knarzt, dehnt sich im Sommer aus. Auch das Astloch, das von den Würmern in Form von DNS-Strängen tanzend zerfressen worden ist.
Wir dehnen uns mit dem Sommer und dem Holz aus. Trinken Wein auf leuchtend grünen Wiesen oder Bier auf lauwarmen Asphalt, sind glücklich.
Die Wand reißt auf und was kommt ist
eine neue Jahreszeit. Wir fallen in diese vorgefertigten Löcher, halten uns an Spuckefäden des anderen fest, und glauben, dass genau das Halt ist. Zusammenhalt. Vielleicht. Während der Herbst uns taub küsst, bringen wir den letzten Pfand weg. Aber eine Flasche bleibt unter der Spüle stehen. Links in der Ecke. Dort, wo der glitzernde Silberfisch wohnt. Abwechselnd flüstern wir Liebesschwüre hinein. Hoffend, dass sie irgendwann ankommen. Angetrunken von den Gelöbnissen und der Ofenwärme lehne ich mich an einen der Stützbalken. Der sich biegt, aber nicht bricht. Wir rauchen erst mal eine, warten ab was passiert. Darin sind wir gut. Abwarten und zusehen, wie das Haus, dieses Wir, in Schieflage gerät. Abwarten, wie das Leben sich selbst lebt, liebt. Betrunken zerbricht und keine Worte findet. Das Leben schweigt sich aus. Du sagst irgendwas, ich schreie Vermutungen. Wort für Wort verblasst der Rausch. Mir wachsen alte Gefühle aus den Fingerspitzen, die schmeiße ich auf Papier. Alles, was ich nicht sagen kann, schreibe ich dir.
Ich sehe uns am Pfandautomaten, Hand in Hand nach Hause gehen. “Ich steh für dich ein”, hast du gesagt. Einheit, gleich Gesamtheit, ein Ganzes. Wer weiß denn s
chon was morgen ist? Morgen ist übermorgen gestern. Und auch da sammeln wir die Dosen vom Straßenrand. Dosen, randvoll mit Serotonin. Die gestapelt und von der Nacht umgeworfen werden, wie an einem Kirmes-Stand. Alles, was ich nicht sagen kann, schreibe ich dir: Deine Haare sind der nächtliche Himmel. In dem ich mich festkralle, wie an einem Klettergerüst. Auf dem Eulen hocken und uns neidisch zuschauen. Vielleicht sind es die Nachtvögel, die mir Vermutungen in den Kopf und in den Mund und auf die Papierkanten legen? Briefe, die ich niemals abschicke. Vielleicht sind es die auserzählten Geschichten, die dieses Gefühl von Verbundenheit nehmen und Inhaltslosigkeit suggerieren. Vielleicht sind wir nicht mehr wir, möglicherweise ist die Kirmes vorbei. Vielleicht sind wir für immer. Und nur jetzt ist vorbei. Dann bleibt uns nur bald. Bald, wenn ich in deinen Sätzen zufrieden ertrinke. Wo? Auf dem linken Kopfkissen in deinem durchgelegenen Bett. Bald wirst du jemand sein, den ich mal kannte. Dessen muffiger Schlaf-Geruch jetzt mit mir auf dem Sofa sitzt. Wir können ja einfach ein Märchen sein, flüstere ich ins Kopfkissen. Was aussah wie für immer und ewig, ist jetzt unter Membranschichten versteckt. Es ist dunkel im Bauchraum. Woanders ist es aber zu hell für die Vergangenheit. Was Schatten spendet ist das Ende. “Es war einmal” ist nun unsere Trophäe. Wir bauen ein neues Haus. Aus Pappmaché und Liebe.

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