Samstagnachtgeschichten 4

Sarah Riedeberger und ich schreiben allsamstäglich zusammen. Wort um Wort. Kopf um Kopf. Das ist Text Nr.4.

Go your own way

In deinem Lipgloss glänzen die Straßenlichter. Du fährst in die Zukunft. Auf dem Weg, auf dem dich ein Umleitungsschild grüßt. Du hast die Hände fest am Lenker. Freihändig fahren ist was für Menschen, die dem Wind vertrauen. Die bunten Luftballons, die du am Gepäckträger befestigt hast, wackeln hin und her, sie lenken dich ab, du missachtest alle Hinweise von außen, denn du vertraust dir.
„Forever young“, denkst du dir. „Nein“ im Nebensatz. Du willst Falten, Kratzer, graue Haare. Geschichten, die du im Kalender des letzten Jahres nachlesen kannst. Geschichten, die noch auf dem Post-It abgehakt werden müssen. An Tagen voller Regen. Ohne Vernunft oder kirchlichem Segen. Du willst umarmen, was du erlebst, du willst Glitzer sein – kein Dosenbier, du willst keine profane Tätowierung am Unterarm, sondern
Leben in deinem Gesicht sehen. Denn du bist Glas – und du weißt: die Anderen stammen eigentlich nur aus der Porzellan-Abteilung eines schäbigen Möbelhauses. Du bist transparent, du bist ehrlich, du bist wahr. Mit allen Rissen und Kanten und wenn du runterfällst, bringt es auch noch Glück. Tausend Teile Du, Diamanten am Boden. Kleben ist die Zukunft, eingestaubte Ware irgendwann ein Mängelexemplar.
 Nur manchmal, da glaubst du es dir selber nicht. Zweifelst an deinem Kopfinhalt, an deinen Fingern, an dem Blatt Papier, das vor dir liegt. Dann betonst du, dass du die Kommasetzung nicht beherrschst und dir die deutsche Sprache sowieso nichts sagt. Aber die Vergangenheit ist abgestanden. Wie Apfelsaft, der gärt, alleine und vergessen, den keiner mehr trinken mag, auch nicht du. Der nicht schmeckt, der nicht nährt, der nicht hilft, wenn neuer Eiter aus einer verheilten Wunde quillt. Wenn du aus deiner Grauzone willst. Herauszutreten fällt dir schwer, dafür musst du dir erst einmal deinen Literatenbart absäbeln. Ein klarer Fall von Rieselhilfe – direkt ins Waschbecken -. Eine Veränderung oberhalb der Haut. Bloß Haare und eine lächerliche Schutzfolie, aber kein bisschen Blut, kein Verlust: mehr ein Anfang. Irgendwo unter den Klamotten fängt der große Umbau an, im Kopf, im Herz, Strukturverlust in der Vernunft. Du musst das Loslassen festhalten. Dich darin festkrallen. Aber bloß nicht mit den Altlasten verwechseln. Denn die gehören in den Restmüll.
Noch kaufen wir secondhand ein, bald lecken sich die Leute die Finger nach unseren ausgeleierten Jogginghosen. Stille Zeugen der Autorschaft. Das billige Dosenbier ersetzen wir durc
h Champagner, mit dem wir uns die Füße in der Spüle waschen. Deine Gedanken wippen zu Songs von Olli Schulz, während du durch Nächte, durch Küsse und über Perlonstrumpfhosen fährst, die du in Pergamentpapier wickelst und in der Frühstückspause herausnimmst und aufisst. Deine Wangen glühen, nicht von Bier, ganz alleine von dir und vom Fahrtwind. Und du stellst fest: Die Nacht, der Club, die betrunkenen Menschen feiern nicht ihre eigene Glückseligkeit, sondern dich. Auf der Toilette schaust du in den Spiegel und siehst nicht die Perfektion. Denn die steht neben dir und spachtelt sich den Concealer zurecht. Die hockt auch hinter dir. In der Kabine. Und kotzt sich ihre Koketterie aus dem Hals. Aber du siehst dich und dein großes Feuerwerk, das aus deinen Augen zurückbrennt.
Du beobachtest sie, die Menschen. Sie stecken ihre großen Köpfe in den kleinen Fotoautomaten und halten leere Bierflaschen vor ihre Gesichter. Bitte Lächeln – ja, na klar. Drei, vier, fün
fzig Bilder, rote Augen, kleine Gemüter.
Du verlierst deine Religion, deine
n Lover, aber nicht den Glauben an deine Syntax. Und das Einzige was du wissen musst: Es wird nicht von allen Seiten Beifall geben, auch wenn du noch in 46 Jahren als Torso überlebst. Aber es reicht, wenn du für dich klatschst, auch ganz allein. Jeden verfluchten Tag, den du weitergehst. Dein Stolz glänzt in deinem Lipgloss. Du fährst in die Zukunft: In Richtung „Geradeaus“.

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