Samstagnachtgeschichten 5

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Sarah Riedeberger und ich haben geschrieben. Erneut, samstäglich und zum fünften Mal:

Le garcon

Ein „Hallo“ verhallt aus dem anderen Zimmer. Wand an Wand. Das Ohr fest an die Vergangenheit gedrückt, versuche ich die letzten Laute wahrzunehmen. Das Rascheln der Chipstüten, Sonntagabend beim Tatort. Jeder hatte seine eigene, damit kein Streit um den letzten Krümel aufkommt. Das, was ich noch hören kann, sind keine Lebe-wohl-Melodien, sondern mich sagen: “Lass es dir gut gehen.” An dem Ort, an dem du jetzt stehst, gibt es mich nicht. Ich habe dich alleine dorthin wandern lassen. Denn hier in meiner Zukunft laufe ich lieber mit mir selbst im Quadrat.
Die Tapeten fallen Schicht für Schicht von den Wänden. Ich höre dabei Olli Schulz und er prophezeit: „Wenn es gut ist, wird es schön sein und ein Leben lang passieren.” Du warst schön, es war gut und in meiner Erinnerung wird es dich immer geben. Aber mein Jetzt teilst du nicht. Es tut mir leid. Du würdest gerne mit mir auf dem Sofa sitzen und morgens am Küchentisch. Die Krümel, die ich in der Butter hinterlassen habe, liebevoll und ohne Gram wieder entfernen. Vielleicht vermisse ich manchmal die kleinen Neckereien. Aber Vermissen ist oft bloß ein Phantomschmerz. Ich denke an dich, ja, weil du nicht mehr mein Gegenüber, nicht mehr greifbar bist. Oder vergisst, den Müll runter zu bringen. Die neuen Farben im Schlafzimmer gefallen mir dafür jetzt um so mehr. Weiß das atmen lässt. Ich weiss, dass ich mich nicht länger in dieser Beziehung ertragen hätte und ich schnüre meine Schuhe. Ein anderes Mal vielleicht.
Ich stehe vor dem Schrank, dein Fach ist fast leer.  Ich erinnere dein jungenhaftes Gelächter, wenn ich mich mal wieder nicht entscheiden konnte. Ich nehme die Ex-Boyfriend-Jeans. Ohne darüber nachzudenken.

Du weinst – ich atme. Es ist gut jetzt. Kieselsteine auf diesem beschissenen Dielenfußboden, auf dem ich jahrelang mit bloßen Knien gebetet habe. Ich falte meine Hände zu dem Dach, unter dem Du so lange Zuflucht gesucht hast. Träume kann ja jeder haben. Wir waren einer, unserer. Aber alles, was mit Edding an Klotüren geschrieben wurde, ist nicht in Stein gemeißelt. Und manchmal muss man gehen, wenn es nicht mehr schön ist. Ich habe deinen Namen auf dem Briefkasten gestrichen. Und es tat gar nicht mal so weh.
Wenn ich nach der nächtlichen Ohnmacht aufwache, habe ich Platz. Links und rechts freies Laken. Und doch liege ich mit den Füßen auf den Kissen. Kopfüber, wie einst Petrus bin ich für uns zwei, drei Mal gestorben, weil du mir in der Vertikalen zuvor gekommen bist. Das war keine Liebeserklärung an dich oder uns, sondern der Wuns
ch von Erhaltung, ehe die Jahre dahinvegetieren, sich erbrechen, zerfallen. Aber auch der Glaube konnte uns nicht helfen.
In dem Punkt stimme ich Ernest zu: Glück bei intelligenten Menschen ist das seltenste, das ich kenne. Wir brauchen uns nicht mehr und gleichwohl musst du dich dieser Erkenntnis aussetzen. Da ist jetzt wieder Luft nach oben, Luft zum Atmen. Mein letzter Wille wäre es, in Mittelmäßigkeit zu altern oder dich zu hassen. Deshalb
führt der Weg nach draussen, jetzt durch diese Tür. Keine fremde DNS kommt mir mehr zu nah und hinterlässt sich selbst. Ohne dich fühle ich mich jederzeit wie frisch gewaschen. Das Bad in Sagrotan tötet Bakterien und Restgefühle, die keine sind, sondern lediglich Schatten und lieblicher Schmutz von gestern. Dein Verlust ist mein Plan.
Auf dem Balkon hast du dein Feuerzeug vergessen. Ich stecke es in meine Hemdtasche. Ich lasse dich zwar los, aber ich trage dich gerne noch dicht an meinem Herzen. Es wärmt und spendet Licht, wenn mir in den kommenden Tagen kalt wird oder das Leben zu dunkel ist. Und falls ich mich noch einmal verbrennen möchte, greife ich darauf
zurück.
Das „Wir“ ist mit blauen Flecken, aber in Frieden verstummt. Und ja, unser Tod war einfacher als unsere Geburt. Wir, das waren die vier weißen Ecken des runden Tisches, an dem jetzt niemand mehr sitzt.

 

 

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4 Discussion to this post

  1. Beat Company sagt:

    Vielen, vielen Dank. Mittlerweile warte ich schon auf Eure Fortsetzungen.

  2. Ulli sagt:

    Ich finde viele wunderbare Sätze, aber dieser hier gefällt mir ganz besonders: Aber alles, was mit Edding an Klotüren geschrieben wurde, ist nicht in Stein gemeißelt.
    freue mich schon auf Nr. 6!

  3. Martje sagt:

    hatte Gänsehaut beim Lesen.
    Danke dafür.
    Liebe Grüße, Martje

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