Samstagnachtgeschichten 6

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Es ist Sonntag, Zeit für die Geschichte von letzter Nacht von Sarah Riedeberger und mir.

Bis in die Knochen

Deine Nummer steht in meinem Telefonbuch. Ich kenne deinen Namen, von vorne bis hinten, tausend Mal habe ich ihn gesagt. Ich kenne dich, deine Lenden, dein Gesicht. Mein Mobiltelefon liegt, eingekauert neben Werbeprospekten, auf dem Küchentisch. Ich könnte es nehmen, deine Nummer wählen, dir eine Nachricht schreiben, oder dir bloß von mir erzählen. Geschichten, Legenden und Viten flüstern dir zu, wie ich mit meinen Fingern durch deine Wind-befallenen Haare fahre. Sie fünffach teile, wie einen Staudamm vom Wasser. All das kannst du haben, wenn du dein Ohr nur fest genug an den Hörer drückst und gut zuhörst, während dein Bart leise über die Sprechmuschel kratzt. Ich drücke die Tasten mehrfach am Tag und lasse sie langsam wieder los. Die Haptik erinnert mich an deine Ohrläppchen. Dann ist Samstag. Samstagnacht: Ich sehe dich, du siehst mich, wir verschwinden. Jeder in seine Richtung. Es ist jedes Mal genau das Gleiche. Lichter, Klänge, Blicke. Und selbst im Vorübergehen weiß ich, wie die Haut unter deinem Ärmel aussieht. Mit Haaren, die vom leichten Nachtwind zerzaust und unter dem Licht der Laterne glänzen würden. Während du „bis bald vielleicht“ sagst, sehe ich nichts anderes als die physische Performanz, die sich im Vibrieren deines Halses und in der langsamen Bewegung deines Mundes zeigt. Ich lese die Laute, die wie Wellen über deine Unterlippe laufen und von deinem Kinn tropfen. Während ich um die nächste Ecke biege und mich an die Hauswand lehne, denke ich an deinen Körperbau: Deine schmalen Schultern, deine strammen Waden. Deine Muskeln, versteckt unter Stoff mit hässlichen Aufschriften. Aber ich kann ihn sehen, deinen Bizeps wie er sich bewegt, wenn du nur den Arm hebst und die Bierflasche zu deinem Mund führst. Ich zünde mir ein, zwei Zigaretten an, atme aus, dann stehst du vor mir, ich lache, du lächelst. Ich sehe deine schiefstehenden Zähne. Dann küsse ich dich. Du schmeckst wie die Zuckerwatte, die ich als Kind aß, wie die ungewaschenen Erdbeeren im Hochsommer. Unter deiner großen geometrisch-perfekten Nase rieche ich Bartstoppeln und den Rest des kommenden Abends. Ich finde, du solltest öfter Bart tragen, in rot, braun, schwarz und mit grauen Akzenten. Ein Suchbild wie in der Tageszeitung, ein Laken, mit dem ich nachts meine Gedanken zudecke. Mit zittrigen Fingern berühre ich das Muttermal an deinem Hals, aus dem ein einziges feines Haar wächst, und streiche vorsichtig darüber. Deine Fingerspitzen berühren meine Handflächen, schieben sich ineinander. Am Ende werden sie ein eingeschworenes Team, dessen Daumen sich durch mein Gesicht schleichen. Die Wand hinter mir löst sich auf, während du mich weiter an dich und von dir schiebst. Statt dem Himmel sehe ich dein Gesicht, wenn ich für eine Zehntelsekunde das linke Auge öffne. Und wenn ich meine Finger aus deinen löse, ertaste ich dein Schlüsselbein: Die weiche Kuhle, aus der sämtliche männliche Anziehung geboren wird.
Die Nacht ist ein stillgelegtes Meer, in dem keine Wellen und keine Strömung auftreten, sondern ein anonymes Beben die Sterne bewegt, ausgehend von dir und mir. Du sagst, wie verrückt du das findest. Ich sage: Ich verstehe das auch nicht. Im Fenster neben uns geht das Licht an. Du bist die Ebbe, ich will trotzdem deine Flut sein. Worauf wartest du? Du lauerst schon zu lange. Während nicht nur die Küchenlichter fluten, beginnt der Tag auch mit leisen Blitzen. Der Moment, in dem du dich von mir löst, dich umdrehst und im Straßen-Morgen verschwindest. Ein letzter Schweißtropfen läuft meinen Hals entlang und ertrinkt im Ausschnitt meines T-Shirts. Meine Lider bewegen sich zögerlich. Nach und nach öffne ich die Augen. Die Intensität des Moments verschwindet einfach, als die Helligkeit durch die Lücken der weißen Vorhänge mich streift, blendet. Ein Luftzug. Er bleibt an meinen noch immer glühenden Wangen kleben. Ich sehe die Decke und die Wände, bin gefangen in der Realität. Mein Herz pumpt pausenlos wilde Gedanken an letzte Nacht  durch meinen Körper. Ich drehe mich wieder um, presse die Augen zusammen und zwinge mich wieder in den Schlaf.

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2 Discussion to this post

  1. Mike sagt:

    Da ist Euch mal wieder etwas Tolles gelungen … ich verschlinge die Zeilen. Es ist wie ein Sog …. die Worte rasen durch die Netzhaut in mein Gehirn und schustern dort für mich den nächsten (Tag-)Traum zusammen. Danke!

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