Samstagnachtgeschichten 7

Header Samstagnachtgeschichten 7

Die Samstagnachtgeschichten. Immer sonntags. Immer gefertigt von Sarah Riedeberger und mir.


Der Rucksack

Solange deine Geburt nicht von einer Zeitungsannonce attestiert wurde, wurdest du auch nicht geboren. So wandelst du also ohne Alter, aber mit dem üblichen „Mitte-Ende-20-“ Stempel, anonym und geisterhaft durch die Großstädte und suchst Anschluss. Andere Geister, die dich verstehen und mit dir auf dem Sofa hocken wollen, während ihr eurem schlechten Musikgeschmack freien Lauf lasst. Wenn du irgendwo jemanden findest, der zu deiner Innenarchitektur passt, legst du all deine düsteren Gedanken genau da unter den flauschigen Teppich. Denn manchmal sind sie woanders einfach besser aufgehoben. Daneben liegen noch ein paar Konfetti-Reste – von der letzten Party. Ihr wart nur zu dritt. Gin Tonic, ein anderer und du. Gemeinsam habt ihr Taylor Swift gehört und dabei eure Probleme gestapelt und den Turm am Ende lachend umgeschmissen.
Der „Andere“ ist auf der Welt nur selten zu finden. Innendrin sieht er genauso aus, wie du selbst. Von außen ist er nur schwer zu erkennen. Schließlich glänzt er nicht, wie das Diebesgut einer Elster. Sondern ist so matt, wie die Lackierung einer Tafel. So matt, wie du selbst. Manchmal aber, da siehst du bei der Person gegenüber das Hirn aus der Nase strahlen. Gedanken, Wörter und Ansichten, die sich mit deinen überschneiden, ja sogar fast decken. Auf einmal ist es gar nicht mehr so schlimm, kein adäquater Mensch zu sein. „Was ist eigentlich ein richtiger Mensch?”, fragt der Andere dich. Dein Gesicht wird zum Spiegel deines Inhalts. Und all die Dummheiten, die deine kleine Vergangenheit erklären, sind weniger relevant. Karge Geschichten aus dem Leben tanzen auf den Dielen, es knarzt ein paar Mal, ihr zuckt zusammen. Du erzählst von dir. Irgendwo zwischen Raufasertapete und Fliesentischen bist du groß geworden und genau da hast du auch deine Eckdaten verloren.

Etymologisch befindet sich unsere Beziehung hier: Das mittelhochdeutsche „Vriunde“ bezeichnet nicht nur unseren hochdeutschen „Freund“, sondern auch „Verwandte“. Was im Hochdeutschen verloren gegangen ist, erläutere ich dir nächtelang. Ich beklage den Verlust, denn dieser ist unwiederbringbar. Die Chance, eine eigene Familie zusammen zu suchen wurde uns geraubt und wenn nur auf sprachlicher Ebene. So bleibst du also in der Gegenwart „nur“ eine Freundin. In meinem Telefon aber bist du unter „Vriundinn“ abgespeichert. Andere behaupten, Freundschaft gebe es sowieso nicht, sondern nur Liebe.
Da sitzen wir also und schaukeln. Bestätigen uns gegenseitig, dass wir eigentlich immer noch 15 Jahre alt sind und können diesen Umstand doch nicht beweisen, weil wir ja nie geboren wurden. Identitätslos kreisen wir um unseren Verstand, fragen uns, ob wir überhaupt jemand sein müssen, wenn wir miteinander schweigend über Möglichkeiten sprechen können. Wenn wir analog funktionieren, obschon wir nicht „stammverwandt” sind, kann man doch von einer wahren Verbundenheit sprechen? Verwandtschaft im offiziellen Sinn bezeichnet ja meist nur alles, was die gleichen Gene hat. Aber DNS ist nur ein Fakt, der am Ende bloß die Zusammengehörigkeit von Menschen romantisiert, die vielleicht gar nicht wirklich zueinander passen, die nicht gemeinsam funktionieren. Synchron springen wir aus dem Himmel ins feuchte Gras. Du hältst inne. Und ich sage: „Zahlen und Fakten werden so viel unwichtiger, wenn man unbewusst eine Verästelung zwischen zwei Geistern ausmachen kann. Vriunde, das sind wir.“ Schon Platon, der alte miesepetrige Fuchs, hat uns als duale Seelen beschrieben. Du und ich als Kugel mit vier Extremitäten und zwei Köpfen. Wir erkennen die Götter, wenn wir vor ihnen stehen und verlieren unsere Religion. Als Rucksack tragen wir immer den anderen. Der Rucksack, der uns mit Trinkpäckchen und Butterbroten nährt. Wir müssen manchmal einfach gestärkt sein, denn wenn das eigene Überleben zu einem schwermütigen Unterfangen wird, reflektiert der andere deine Stärke, sortiert deine Sorgen, faltet sie und ordnet sie selbstlos nach Umfang und Relevanz. Er ist der Indikator für das Gute im Schlechten, hört deine scheußlichen Popsongs. Er muss dich nicht über die Hürden tragen, er reicht dir symbolisch eine Hand und ist stolz auf dich, wenn dein Leben letztlich nur aus Plan G besteht. Mit dem Wissen auf Zusammenhalt erklärst du dich dafür bereit, nie geboren worden zu sein. Denn wer nie als Säugling in der Zeitung stand, dem ist die Familiensuche freigestellt.

Related Posts
36€
Illustration Frau doppelt
Illustration Sofa

Discussion about this post

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.