Weil wir sterben

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Ich habe bei Youtube eine Playlist mit dem Titel „Trauerfeier“ erstellt. Das klingt komisch, vielleicht sogar morbid. Aber wenn − nicht falls − der Umstand des Todes eintrifft, überlasse ich nur ungern die Organisation anderen. Man stelle sich vor, die eigenen Eltern, in all ihrer Trauer und Hilflosigkeit bespielen die Gäste mit dem Beerdigungs-Klassiker Nr. 1: „Time to say goodbye“. Um dem vorzubeugen und um das Musik-Arrangement nicht dem Geschmack der Hinterbliebenen zu überlassen, fixierte ich also digital diese Liste. Hierbei geht es vordergründig nicht um den vermeintlich herzustellenden Tränenfluss, sondern um Memoria. Erinnerung an meinen schlechten Musikgeschmack,  an (un-)geteilte Erlebnisse, die die Stücke ausdrücken. Trotzdem: Zwischen Hildegard Knef und Oasis darf dann natürlich auch in die Taschentücher gerotzt werden.
Auch über den Stil der Trauerfeier habe ich ein Moodboard in der Schublade. „Skandinavisch-Fancy“, würde ich dieses beschreiben. Kann man eigentlich überhaupt von Beerdigungs-Stilen sprechen? Ich würde nicht behaupten, dass ich Beerdigungen genauso gerne besuche wie Hochzeiten, dennoch hält sich die Anzahl der Einladungen tatsächlich in der Waage. Auf den ca. 10 Bestattungen, zu denen ich geladen war, war die Hauptperson nicht anwesend. Natürlich sah man einen Sarg, umgeben von Kerzenleuchtern und Blumenschmuck, die von der Trauerhalle / Kirche / Bestatter vor 30 Jahren erworben wurden. Vielleicht wurde aber auch immer dieselbe Person verabschiedet. Zumindest vermittelte das die ästhetische Ausgestaltung der Trauerfeier. Statistisch gesehen, stirbt man häufiger im Alter. Aber ich musste auch Leute verabschieden, die jünger waren, als ich. Auch dort existierte das Bild des nussholzfarbenen Sargs und ein Portrait, das nicht den 22jährigen Verstorbenen, sondern sein 15jähriges Ich zeigt. Mir ist bewusst, dass der plötzliche Verlust eines − in dem Fall − Kindes, überfordert. Dass es vermessen ist, eine durchorganisierte Party zu erwarten und das Eltern / Trauernde nicht nur mit ihrem Schmerz zurechtkommen müssen, sondern sich innerhalb einer kurzen Zeit einer Phalanx von Bürokratie stellen müssen. Dennoch: Die letzte Feier für und mit dem Verstorbenen und keiner kann sich vorstellen, dass man nicht mehr „da ist“, obwohl man sich doch da vorne im Erdmöbel befindet. Würde der Umstand des Todes den Beerdigungs-Gast vielleicht besser erreichen, wenn man auch durch die Deko, ja die ganze „Inszenierung“ anwesend wäre? Wieso gibt es so viele Heim & Herd-Magazine, in denen der neueste „Skandi-Style“ beschrieben wird, aber nichts gleichbedeutendes für Bestattungen? Aus den verstaubten Schaufenstern der Bestatter, an denen man täglich vorbei läuft, ziehe ich: Auch die bieten nichts an. Oder deckt das mangelnde Angebot einfach nur die fehlende Nachfrage? Wieso scheint es dem Mensch, ob jung, ob alt, egal zu sein, welchen letzten Eindruck er hinterlässt? Vielleicht ist auch einfach nur Angst. Auf jeden Fall ist es Egoismus, den Überlebenden die Wahl zu überlassen, denn diese haben schon genug zu leisten.

Das mag befremdlich klingen oder vielleicht ja auch unkonventionell. Fraglos ist es eine Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit. Kümmert euch darum, genauso wie ihr euren nächsten Geburtstag plant. Die letzte Party kommt nämlich auf jeden Fall.

Literatur dazu: hier

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3 Discussion to this post

  1. Wie schön zu lesen… selbiges habe ich vor Jahren auch gemacht. Andere waren weniger von der Idee angetan, aber ich seh es absolut genauso. Es könnte sonst ein Graus werden.
    Schön geschrieben! :)

    • juliafeller sagt:

      Der Mensch hat irgendwo auf dem Weg den Tod veloren und jegliche Annäherung an ihn scheint auf die anderen befremdlich, vielleicht sogar morbid. Dabei finde ich gerade die Scheu befremdlich.

  2. Stepnwolf sagt:

    Ich hab schon seit Jahren meine Trauerfeiermusikbegleitung im Kopf. Ich glaube, ich sollte die auch mal so langsam digital fixieren. Danke für die Erinnerung.

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