Roger Willemsen: (K)ein Nachruf

Roger Willemsen Illustration

Lieber Roger Willemsen,

ich weiß, du kanntest mich nie und ich nehme mir dennoch heraus, dich zu duzen. Meine Schwester schrieb mir eben, dass du gestorben seist und ein kurzer Blick in die digitalen Medien zeigte, dass du es wirklich bist.
Was ich dir nicht mehr sagen kann: Meine Liebe begann mit „Gute Tage. Begegnungen mit Menschen und Orten.”, da war ich 14 Jahre alt. Mit kleinen Zwischenstopps bei anderen Herrschaften fand ich doch immer wieder zu dir zurück und untermauerte mein Pseudo-Literatentum mit dir in meinem Rücken. Und auch wenn ich nicht immer in die Buchhandlung rannte, sobald etwas Frischgedrucktes von dir veröffentlicht wurde, so wusste ich: Du bist da draussen und piesackst gerade einen Interview-Gast.

Roger, ich redete mir Parallelen unserer Leben nur zu gerne ein. Dein Kommentar zu deiner Schullaufbahn „Doofheit, gemischt mit Faulheit, Desinteresse und mangelnder Leidenschaft für das, was ich können sollte.” beschreibt auch mein Dasein als frühere Schülerin. Du und ich wussten: Schulnoten bestätigen in keinster Weise die Intelligenz und das weitere Leben. Auch unsere späteren Studienfächer überschneiden sich. Und ich preise den Uni-Kanon, wenn ich die Intertextualität in deinen Sätzen entdecke und lachen muss, während du „Balkonbewohner” (Deutschlandreise, S.168.) beschreibst. Ich bin kein Befürworter des Fantums und ich glaube nicht an Autogramme oder an das Hinterhereifern von Prominenz. Aber du warst immer der Einzige, bei dem ich eine Ausnahme machte und bei dessen Charme und Satzbau mir die Knie zitterten.

Neulich noch sprach ich von meinen Berufswünschen, zu dem deine Assistentin zu sein gehörte. Ich wollte dir dein Papier halten, wenn du keinen Tisch zum Schreiben vor dir hast. Ich hätte deine Brille geputzt und deinen Füller betankt, nur um in der Nähe zu sein und etwas von dem Glanz deiner Wortketten und deiner Syntax zu erhaschen.

Roger, ich finde es fürchterlich, dir das hinterher zu rufen. Denn dein Tod hätte nicht sein müssen. Er ist töricht, absurd und unnötig. Vor allen Dingen ist er aber wirkungslos gegenüber deinem Schaffen, denn er nimmt uns nicht deine Sätze.

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2 Discussion to this post

  1. guinness44 sagt:

    Hoffentlich kann er diesen Brief irgendwie und irgendwo lesen.

  2. […] Nachtrag: Ich halte nichts von Befindlichkeits-Trauer, die einen Tag andauert und danach vergessen ist. Seit drei Tagen habe ich Magenschmerzen, auch wenn das von aussen nicht zu sehen ist. Ich habe eine Buch-Behausung um mein Bett gebaut, um unter einer Wort-Kuppel zu liegen und dadurch Trost zu finden. Ich sage Freunden, dass es keinen Sinn mehr hat zu schreiben, wenn niemand mehr da ist, der darüber urteilen könnte. Ein eckiges Urteil. Ein Urteil, das man sich selbst als Nonplusultra gesetzt hat, unabhängig von verbleibenden Kritikern. Auf der anderen Seite befeuert deine Abwesenheit meinen Drang wieder täglich zu lesen, Worte zu verschlucken und sie wiederum auf das Papier zu schmieren. Im Sinne des Dichters analog: Ich krame meinen Lamy-Füller aus dem Brot-verkrümelten Acker meiner Tasche und greife nach dem Tintenfass auf meinem Schreibtisch. Du und ich sind zu jung für deinen Tod. Mein Wortschatz reicht doch nicht über den eines Kindes hinaus und wird nun auch nicht mehr befüllt. Vermutlich muss ich nun das Wörterbuch auswendig lernen, welches mir allerdings nicht zu Neologismen und noch weniger zu einer aufregenden Syntax verhilft. Ich bin noch nicht erwachsen genug, um alleine weiter zu schreiben. Nein: Ich bin als Schreiber und denkender Mensch noch nicht fertig geboren. Ohne fiktiven Mentor und/ oder dich als siniertes Back-up schaffe ich es noch nicht zu meiner subjektiven Vergegenwärtigung. Ich hoffe auf einen Epilog, so war das Schreiben doch für dich ein Synonym für das Leben an sich. Bis dahin haue ich hässliche Buchstaben in meinen Computer. Ich habe dir nie geschrieben, das habe ich mich nie getraut. Daran habe ich auch nicht gedacht. Und dass ich das hier nun betreibe, kommt dem gleich, obwohl alle anderen nun mitlesen können, nur du nicht. Ich frage mich nicht, wo du bist: Denn mutmaßlich sitzt du im Himmel, wandelst im Djanna und blickst aus dem Nirwana heraus. Gleichzeitig während du, personifiziert durch deine Sätze, von meinem Bücherregal winkst. Ich frage mich, wo du nicht bist. […]

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