Roger Willemsen: Ein Liebesbrief

Illustration Hände

Nachtrag:
Ich halte nichts von Befindlichkeits-Trauer, die einen Tag andauert und danach vergessen ist. Seit drei Tagen habe ich Magenschmerzen, auch wenn das von aussen nicht zu sehen ist. Ich habe eine Buch-Behausung um mein Bett gebaut, um unter einer Wort-Kuppel zu liegen und dadurch Trost zu finden. Ich sage Freunden, dass es keinen Sinn mehr hat zu schreiben, wenn niemand mehr da ist, der darüber urteilen könnte. Ein eckiges Urteil. Ein Urteil, das man sich selbst als Nonplusultra gesetzt hat, unabhängig von verbleibenden Kritikern. Auf der anderen Seite befeuert deine Abwesenheit meinen Drang wieder täglich zu lesen, Worte zu verschlucken und sie wiederum auf das Papier zu schmieren. Im Sinne des Dichters analog: Ich krame meinen Lamy-Füller aus dem Brot-verkrümelten Acker meiner Tasche und greife nach dem Tintenfass auf meinem Schreibtisch.
Du und ich sind zu jung für deinen Tod. Mein Wortschatz reicht doch nicht über den eines Kindes hinaus und wird nun auch nicht mehr befüllt. Vermutlich muss ich nun das Wörterbuch auswendig lernen, welches mir allerdings nicht zu Neologismen und noch weniger zu einer aufregenden Syntax verhilft. Ich bin noch nicht erwachsen genug, um alleine weiter zu schreiben. Nein: Ich bin als Schreiber und denkender Mensch noch nicht fertig geboren. Ohne fiktiven Mentor und/ oder dich als siniertes Back-up schaffe ich es noch nicht zu meiner subjektiven Vergegenwärtigung.
Ich hoffe auf einen Epilog, so war das Schreiben doch für dich ein Synonym für das Leben an sich. Bis dahin haue ich hässliche Buchstaben in meinen Computer. Ich habe dir nie geschrieben, das habe ich mich nie getraut. Daran habe ich auch nicht gedacht. Und dass ich das hier nun betreibe, kommt dem gleich, obwohl alle anderen nun mitlesen können, nur du nicht. Ich frage mich nicht, wo du bist: Denn mutmaßlich sitzt du im Himmel, wandelst im Djanna und blickst aus dem Nirwana heraus. Gleichzeitig während du, personifiziert durch deine Sätze, von meinem Bücherregal winkst. Ich frage mich, wo du nicht bist.

Ich weiß nicht, wann du geburtstagst, aber den beschissenen 7. Februar, den kenne ich jetzt und zwinge mich fortan zum Verdichten.

J.

 

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