Hamburger Nächte sind lang

Kratzige Handinnenflächen, die sind alles, an das ich mich erinnere. Und dass ich dachte, dass du dir selbige mal eincremen solltest. Vielleicht habe ich das schon für dich gemacht: Deine Hände in Bier gepült, aus Versehen natürlich und zum Segensgestus gefaltet. Die Anderen sind nicht mehr zu sehen und wenn doch, werden sie von der Nebelmaschine und der Nacht verschluckt. Deshalb bleiben nur noch Du und Ich, kein Wir. Du und ich sitzen also auf der Wartebank im Flur, während die Discokugel wie eine Abrissbirne schwingt und Menschen sich lautlos, aber wild zu elektronischer Musik äußern. Und weil du noch einen schlechteren Musikgeschmack hast als ich, wippen alle unsere Beine im Takt. Es ist 03:51 und Hamburger Nächte sind anscheinend wirklich so lang wie besungen. Jemand fährt im Einkaufswagen Rallye, während das Strobolicht uns allen Heiligenscheine schenkt. Synapsen funktionieren um diese Uhrzeit nicht und auch die Suche nach dem Wort an sich ist erschwert durch die Einnahme zahlreicher nächtlicher Drogen. Mein Gesicht ist taub, weil der Alkohol von innen schreit und der Club in jede Pore kriecht. Du erzählst irgendwas von Mädchen, dem Swipen nach links und rechts und perfekten Wochen. Ich verstehe kein Wort und antworte, dass es in diesem Etablissement auch ein Bällchenbad gäbe. Gestalten von gestern laufen vorbei und die Toiletten hier sind wie üblich ohne Brille und verstopft. Die Bekleidung wird nicht das Einzige sein, das morgen früh verraucht riecht. Ein Segen, dass Zigaretten hier nicht verboten sind. Trotz der dunklen Verhältnisse nehme ich dein billiges Parfum wahr, das du dir statt hinter die Ohren auf deine Brust gesprüht hast, die genau auf meiner Nasenhöhe liegt und ich schäme mich dafür, dass es mich anspricht und überlege, dass ich mal in der Herrenabteilung einkaufen sollte. Der Techno ist heute Abend zu romantisch und die Menschen um uns herum zu verliebt. Das Ende der Woche schlägt härter zu als gedacht und das Ende meiner Zwanziger spuckt mir freundlich ins Gesicht. Jedem, der es nicht hören will, erzähle ich, dass das der Zeitpunkt sei, der nicht hätte stattfinden sollen. Das ist auch der Zeitpunkt, den ich geplant habe, seitdem ich deine Finger beobachtet habe, wie sie mir die Tür aufhielten. Die Nacht ist noch jung, aber wir nicht mehr ganz.
Morgens, halb 10 in der Stadt: Man konsumiert Aspirin und Vomex als verspätetes Kontrazeptivum. Als würde es helfen, die gesammelten nebligen Gefühle der letzten Nacht zu vergraulen und den Morgen weniger peinlich erscheinen zu lassen. Mein Gesicht ist grau und aus den Augen krümelt die Vergangenheit. Zwischen jedem einzelnen Kopfhaar kleben die Atome des Zigarettenqualms. Und jetzt, da ich mich deshalb fast übergeben muss, weiß ich ganz genau, dass ich mich später damit einwickeln werde. Und wer die Augen schließt, kann sie wieder sehen: Die beschissene Discokugel der Hamburger Nacht und den Umstand, dass wir niemals in Hamburg waren.

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