Warum eigentlich nicht

„Warum eigentlich nicht?“ fragst du und schaust mich mit deinen kleinen Augen von der anderen Seite des Tisches an. Warum eigentlich nicht mal die eigene Moral in die Schublade quetschen und den Schlüssel verlieren. Lieben und verliebt sein verwechseln und die eigenen Lebensstrukturen abbrechen. Die Uni kündigen und die Wohnung exmatrikulieren. Einfach so. Warum eigentlich nicht? Das Körpergewicht verdoppeln, weil das neue Leben nur im Bett stattfindet. Mit zwei nackten Körpern und Kohlenhydraten, die viel und horizontal eingenommen werden, während man Dokumentationen über diese Fische schaut: „Schattenmorellen“ hast du sie genannt. Warum eigentlich nicht verknotet sein von Freitag bis Sonntag und dem Rest der Woche. Ineinander kriechen, einfach so. In dein Ohr schauen, um deine Gedanken sehen zu können. Warum eigentlich nicht Freundschaftsarmbänder kaufen oder gleich nächste Woche heiraten. Warum auf die nächsten sechs Jahre warten, wenn man es jetzt schon weiß und warum sollte man auf die anderen hören, die dir erzählen, du seist verrückt. Und verdammt nochmal, warum eigentlich nicht glauben, wenn der andere sagt, dass man morgens nicht wie ein zertretener Maulwurf, sondern wunderschön aussähe und sich nicht für die Krümel in den Augenwinkeln schämen. Du erzählst mir, du brauchst zur Planerfüllung deines Lebens keine Nachkommen, aber wenn der andere dich gestern gefragt hätte, ob ihr euch fortpflanzen wollt, würdest du heute nicht „nein“ sagen.
Du möchtest wissen, wo ich herkomme und wenn du weggehst ist das gar nicht schlimm, obwohl du dich noch sträubst. Denn du hasst diese Stadt, weil sie einen nicht lieben lässt. Weil man sich an Bahnhaltestellen verstecken muss und sich zur Verabschiedung die Hand gibt. Die Sonne gaukelt dir gutes Wetter vor und du meinst, du hättest Kopfschmerzen, vorne unter der Stirn. Das Fragezeichen, das sich in deinem Händedruck bemerkbar macht, lässt dich nicht schlafen und bis es platzt dauert es nur noch eineinhalb Wochen. Du dachtest, du könntest, was du wolltest.
Hier am Tisch kann ich dich kaum sehen, denn du sitzt hinter dem großen Strauß Disteln, den du dir selbst geschenkt hast. So wie jetzt, hast du dich die letzten neun Jahre versteckt und ich frage dich, wo du in der Zwischenzeit geblieben bist. „Auf diesem Stuhl. Kaffeetrinkend und mich verlaufend.“ antwortest du. Ich verstehe deine Perspektive nicht, deine neue Spontanität. Aber vielleicht liegt es auch daran, dass du mir gar nicht gegenübersitzt, sondern ich mir selbst.

Related Posts
36€
Berlin Illustration
Illustration Brautpaar
Tatortreiniger Illustration Illu

3 Discussion to this post

  1. Mia sagt:

    Ganz groß dieser wunderbare Text. Schön das Sarah mich zu ihm führte. Heute morgen. Unverhofft. Danke :)

  2. […] Warum eigentlich nicht – aesthetische-erziehung.de […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.