Wehen / Arbeitstitel

Illustration Sofa

»Alles in Ordnung?« fragst du von deiner Seite des Bettes. Und nein, das ist es wirklich nicht. Hier liege ich nun und meine Augen brennen. Teils von der nächtlichen Uhrzeit, teils von deinen unbedachten Worten. Montagnächte sind unglaublich lang und während du dich wieder in den Schlaf wiegst, starre ich ins immer heller werdende Draußen, das vor dem Fenster passiert. »Bis einer weint.« hast du gesagt und das tun wir nun beide. Ich habe dir nichts versprochen, auch keine Erklärung. Und jetzt liegen wir hier auf den Quadratmetern der Matratze und maßen uns an, diesen Umstand einer Legebatterie gleichzusetzen. Rücken an Rücken, nein vielmehr mit einem Meter Abstand. Deine Seite ist unauffindbar. Hinter Hügeln von Bettdecken schaut ein Fuß hervor, für dessen Ortung ein Kompaß nötig ist. »Ich kann nicht.« ist meine einzige Ausrede und eine unzureichende Antwort. Pause.

Ich stehe am Fenster und hinterfrage das Wetter, während ich an gestern Abend denken muss: Dort auf der Straße, als wir mit Pommes Frites durch den Regen liefen und du die Mayonnaise wie ein Trinkpäckchen komsumiertest. Ich habe meiner Vergangenheit versprochen niemals mehr zu warten und jetzt suche ich den Ursprungsort, von dem aus meine Gedanken schmerzen. Unter dem Sofa vermute ich die Voodoo-Puppe, der eine Nadel durch das Herz gesteckt wurde, aber es gibt sie gar nicht. Das Herz pocht von ganz alleine. Und ich dachte, das Einmachglas mit dem Oxytocin wäre schon längst ausgetrocknet, aber es stand nur ganz unten. Verstaubt auf dem letzten Regalbrett und das Gummi ganz bröselig.
Und nun stehst du vor mir, mit einer tiefen Falte zwischen den Brauen und Wasser, das aus deinen Augen läuft und von deinem Bart aufgehalten wird. Und während dein Sturzbach irgendwann trocknet bekomme ich Angst. Vor Distanz, vor zu großen Betten, die einen nachts auffressen und vor beschissenen Kilometern.
Es ist wieder Sonntagabend und ich habe noch nicht geduscht. Ich kompostiere vor mich hin, teils aus Faulheit, teils um dich nicht von meiner Oberfläche zu kratzen. Das Peeling, das Magazine wöchentlich empfehlen, verbanne ich. Du bist nicht da und stattdessen backe ich Tomatensuppe und koche Kekse, um die Zeit zu überbrücken. Vertausche Salz und Zucker, das übliche Spiel. Eine Woche, die heute angefangen hat. Sieben Tage, in denen die Brust schmerzt, als sei ein LKW darauf hin und her gerollt. Langsam, mit aufgeladener Bananenfracht aus Übersee. Und bis du wieder hier bist, behänge ich mich mit vielen goldenen Ketten und trinke Wasser mit Kiwi-Stücken drin. Das britzelt dann auf der Zunge, so wie du. Aber es ist nur meine Kreuzallergie. Dein getragenes T-Shirt riecht nach Kreide und ich freue mich, dass ich es hinter dem Bett gefunden habe. Eine Reliquie der letzten Nacht, Virtus mit inbegriffen.
Der Stillstand blockiert und es ist nicht nur die schwere Betondecke, die auf deinen Kopf fällt. Gleichzeitig trägst du einen großen Korb an deiner Armbeuge, voller Panik und »Was-wäre-wenns«.
Ich trinke wie ein ausgetrockneter Fluß es nicht kann, weil meine Lungen mich nicht atmen lassen. Kompensation der Dummheit. Kompensation von Zucker und Salz. Die Wehen, die hier stattfinden, passieren in meinem Kopf. Und du kannst dir sicher sein, dass das eine Zangengeburt wird. Ich sitze auf dem Stuhl. Vier Beine und doch dreht er sich. Vielleicht ist es auch der runde Raum oder die Erkenntnis, dass du die Frage zu meiner Antwort bist. Wir überstürzen nichts, wir leben nur. Pause. Positiver Stillstand.

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