Natürlich

Natürlich hast du mich dutzende Male gefragt ob es in Ordnung sei, wenn du jetzt gehst. Und natürlich habe ich genickt und dir versichert, dass es wirklich so ist. Denn wieso sollen wir uns beide langweilen, wenn wenigstens einer über die Straßen und Feldwege dieser Stadt ziehen kann. Natürlich ist es aber nicht in Ordnung, dass du wirklich gingst, dass du mir geglaubt hast und dass ich dich glauben machen wollte, der Verlauf dieses Abends wäre für mich in dieser Form »natürlich«. Jetzt sitze ich hier und höre aus dem Bad den Duschvorhang rascheln. Das bist aber nicht du, sondern nur der Durchzug.
Meine Gedanken sind in einem Aufzug eingesperrt und rasen 83 Etagen in Richtung Erdkern. High Speed. Der Notfallknopf wurde absichtlich vergessen.
Ich beweine unseren fehlenden Sommer. Tage, an denen einer von der Sonne geweckt wird, obwohl das die dreckigen Fenster gar nicht hergeben. Und schon jetzt zweifle ich an einem kommenden Winter. Ich beweine unsere sterbenden Zellen, obwohl wir beide wussten, dass sie in diesem Quadrat keinen Platz finden würden. Und in der Stille ihrer Anwesenheit nehmen wir gleichzeitig Abschied, ohne nach einer dritten Meinung zu fragen. Im Frühling hätten wir uns getroffen und vermutlich Spirituosen vergoßen. Gemeinsame Erlebnisse verbinden. Das kann ich in dieser Form nicht bestätigen. So schälen sich nur noch gemeinsame Gewebestücke von uns ab. Alpha und Omega stehen mit ihren Rücken aneinander, absichtlich. Drei minus eins ergibt eins.
Ich schaue einen Film und stopfe mich mit Essen voll, so wie wir es immer zusammen machten und der Sommerabend tropft mir von der Stirn. Ich versuche die Wochen zu überstehen, dabei ist es erst Tag zwei. Ich atme ein, um den Tränenfluss unter meinen Lidern zurückzuhalten und von meiner Gänsehaut wird mir übel. Ich halte mich an meinen Knien fest, um nicht im Teer zur versinken. Und mein Blut nimmt seine Farbe an.
Du meinst, ich solle mich mit Menschen treffen. Doch du verstehst nicht, dass ich nicht alleine bin. Es ist die Einsamkeit, die sich in meinen Körper geboren hat. Unser Gestern zerstört vielleicht unser Morgen, denn das Heute ist mit einer partiellen Amnesie aufgewacht. Weißt du, 24 Stunden können lang sein, wenn der Tag unbespielt ist. Ich sitze und ich warte. Auf mich, auf das Ende des Tages, auf dich. Ich bin die Exekutive des Verbs. Wenn Wollen und Können nicht befreundet sind, fällt es schwer aufzustehen.
Du sagst, ich hätte deinem Sein gefehlt und bin die andere Hälfte Mensch des Symposions. Ob ich diesen Zustand jemals spiegeln kann, weiß ich nicht. Denn ich habe meine Gefühle verloren, an irgendeiner Ecke in den letzten acht Jahren. Künstliche Distanz wurde von der tatsächlichen Entfernung abgelöst und die ist größer als die Länge eines Lineals. Die Einsamkeit von gestern bleibt die Einsamkeit der Zukunft, unabhängig von uns oder anderen Menschen. Ich möchte dir Sekundenkleber auf die Hände schmieren, damit du nie wieder gehst, Zöpfe aus unseren Haaren flechten und die Litfasssäulen dieser Stadt mit deinem Namen beschmieren.
Die Luft schmeckt salzig, weil unsere letzte Begegnung 168 Stunden her ist. Ich kann nicht mehr. Ich will noch mehr. Aber das »Natürlich« der letzten Monate fühlt sich jetzt nicht mehr so an.

Related Posts
36€
Illustration Frau doppelt
Illustration Sofa

Discussion about this post

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.