Springbrunnen

Illustration Frau doppelt

Du hast Angst vor Samstag. Du hast Angst vor Samstag, weil ihr euch dann wiederseht. Du mich, ich dich, wir uns. Vielleicht gibt es letzteres gar nicht mehr. Vielleicht gibt es danach nur noch dich dort und mich hier.
Du hast das alte Vertrauen wiedergetroffen, an einem Springbrunnen, mit einem Dosenbier in der Hand. Und du fragst dich, ob du Herz und Hose nicht wieder öffnen solltest. Du fehlst mir nicht in irgendeiner Rolle, sondern als Mensch. Der Konjunktiv der letzten Jahre steht mal wieder vor deiner Tür. Da wart ihr schon und habt euch verloren, irgendwann zwischen Mittag und 20:30.
Du hast Angst vor Samstag, du hast Angst vor nicht zu erfüllenden Erwartungen. Forderungen, für die die Distanz die Entschuldigung ist, ihnen nicht nachzukommen. Ich habe dir gesagt, du sollst geduldig sein, aber du bist einfach nur direkt. Du meinst, das wäre wichtig. Ich meine, du bist zu keiner anderen Art der Interaktion fähig. Ich fehle dir, ich fehle mir auch und finde mich nicht wieder.
Kopfschmerzen legen sich wie ein Nimbus nachts um deinen Kopf und lassen dich nicht schlafen. Kopfschmerzen geboren aus Gedanken. Tabletten kannst du nicht nehmen, denn die verflüssigen nicht nur dein Blut, sondern auch die Morpheme in deinen Synapsen und schaffen Neologismen. Vollgedröhnt von Silben liegst du regungslos im Bett und verschließt die Ausgänge mit Ohropax. Und du dachtest, jeder Mensch würde in dieser Intensität denken: Bis Wörter die Hirnhaut und die Schädeldecke aufbrechen. Von dem Geräusch schreckst du auf, aber es war nur das Gewitter, das sich draußen vor dem Fenster befindet. Tagsüber beschließt du, deine Möbel umzustellen, deine Mutter anzurufen und Bücher wegzuschmeißen. Kafka glotzt vorwurfsvoll aus dem Mülleimer zurück. Du schließt den Deckel, Blasphemie. Hoffend, dass die Wörter und Sätze aus deinem Kopf verschwinden und dich der verbleibende Wortschatz nicht mehr quält. Du wünschst dir, du hättest keine Sprache, denn Sprache ist viel schmerzvoller als die Emotionen, die die hormonelle Manufaktur in dir drin herstellt. Dein Therapeut diagnostiziert dir einen Darmverschluß, allerdings oberhalb deines Halses, während du mit den letzten Resten gemeinsamen Gewebes kämpfst, die sich in deinem Körper auflösen.
Dein Herz schlägt nicht mehr. Nicht nach rechts, nicht nach links. Du hast deinen Herzschlag verloren. Trotzdem hörst du aus dem Mund der anderen Person irgendwas mit Liebe. »Kenn‘ ich nicht, kann ich nicht.« antwortest du ungläubig. Deine Ganzheit hat noch niemand begriffen, stellst du fest und bezweifelst die mentale Gesundheit deines Gegenübers. Du fühlst das Ende und klammerst dich an den Anfang. Mit nur sieben Tabletten kann man ganze kommende Leben auslöschen. Der Juli ist eine gute Zeit zum sterben, wenn du schon keinen Geburtstag im Sommer feiern kannst. Wir haben deine Hand gehalten, dich begleitet und uns dabei mitvernichtet. Vielleicht bist du aber gar nicht gestorben. Vielleicht wurden dir nur alle Zellen gebrochen. Im Bad gibt es keine Spiegel mehr.
Das Wetter ist warm, aber der Himmel grau. Eine Verschwendung von Temperatur. Du hast Muskelkater vom Nichtstun und schließt die Augen. Den Springbrunnen gibt es noch, aber das Wasser ist abgestellt. Aus der Ritze des Gehwegs wächst ein einsamer Löwenzahn und die Bierdose liegt längst zerquetscht im Pfandautomaten. Ein Abend Vergangenheit ist 25 Cent wert.
Du sitzt im Zug und hast nur dein Rückfahrticket dabei. Drei Stunden Fahrt, umsteigen und warten: Auf den nächsten Zug, auf die Zukunft, auf deine eigene Aktivität. Denn du lebst nicht, das Leben passiert dir nur.

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