Kant, Hegel und die Beauty-Redakteurin

Illustration Kant Portrait

Neulich schlug mir mein differenzierter Instagram-Algorithmus eine Stellenausschreibung für einen Blog eines namhaften, deutschen Verlages vor. Eine „Beauty-Redakteurin“ wurde gesucht und ich, als „Schminke-Verkäuferin“ mit abgebrochenem Germanistikstudium fühlte mich angesprochen. Jener Blog, um dem es im folgenden geht, war mir gänzlich unbekannt und so klickte ich auf den vorhandenen Link. Ich erwartete die Auseinandersetzung mit Inhaltsstoffen wie Retinol oder zumindest chemische Grundkenntnisse, Markenhistorien und gegebenenfalls Artikel über Herstellungsorte und Tierversuche. Was ich fand war, unter anderem folgendes:

OMG – EINHORN Klopapier! Wir verraten euch, wo ihr es jetzt kaufen könnt!“

Wenn dein Po dich nervt, streu Glitzer drauf! #glitterbutts sind im Netz der letzte Schrei!

Zu erwähnen sei außerdem, dass die dazugehörigen Bilder größer als die Länge der Fließtexte waren, welche sich im übrigen auf die Zeichenzahl einer Sms und die Wortwahl eines Kindes beschränkten. Erschüttert von dem Gesehenen dachte ich mir, dass dies dennoch leicht verdientes Geld sei und freute mich schon auf meinen kommenden Besuch der redaktionellen, sanitären Anlagen. Also schaute ich mir die Anforderungen genau an: „Spaß an Beauty und Co.“, check. „Eine fancy Schreibe.“, bitte,…totally! „Einen Hochschulabschluss im Bereich Journalismus, Germanistik etc.“, Moment. Meine Faust fuhr mir an den Kopf, als wäre sie eine Plastik von Rodin und ich las erneut „Hochschulabschluss“. Nun grämt es mich weniger, dass ich Selbigen nicht vorweisen kann, sondern diese Unverschämtheit der Erwartung des Verlages. Jener stellt Akademiker ein, deren Output Blogeinträge sind, die auch Jan Böhmermanns Affen aus dem Gelsenkirchener Zoo hätten schreiben könnten. Ein Studium der Geisteswissenschaften befähigt in erster Linie zu einer eigenständigen Recherche, aber das lässt sich aus den Dreizeilern eurer jetzigen Redakteure nicht herauslesen. Entweder Input, eure Redakteure und Output, deren Beiträge sind kongruent im Bezug auf deren Qualität oder aber ihr überdenkt eure Anforderungen an das Vorzeigen eines Uni-Abschlusses. Wenn sich eure Mitarbeiter durch Kant und Hegel arbeiten, Mittelhochdeutsch lernen um unter anderem das Nibelungenlied zu übersetzen und Kenntnis davon haben, dass nach Erscheinen des Werthers sich genau 12 Suizide ereignet haben, möchte ich das zwischen den Zeilen lesen. Andernfalls, liebe Verlage, und es scheint als wären eure Redakteure nicht in der Lage, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen, schraubt euren archaischen Anspruch an Hochschulabschlüsse runter und fordert vor dem Einstellen ein paar Arbeitsproben ein.

Erbost und entsetzt über die verlorene Lebenszeit beim Durchscrollen dieses Blogs

Julia Feller

 

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