36€

Deine Zigaretten erschiessen mich. Sie kommen stangenweise aus Polen. Grillen soll ich, hast du gesagt. Es gibt auch was „Vegetarisches“, haben sie gesagt. Maiskolben sind nicht vegetarisch, Maiskolben sind eine Krankheit.
Ich vermisse Mr. Brightside. It started out with a kiss. Von Nikotin wird mir schwindelig, while I’m takin‘ a smoke. I just can’t look: It’s killing me. Ja, diese Eifersucht ist ein Gefühls-Alibi. Und von diesen Adler-Augen, von denen sie sprechen, besitze ich Zwei. Links und rechts, mit minus sieben Dioptrien. Ich schiebe meine Brille mit dem Mittelfinger hoch.
Ich resigniere. Jesus, du hast gelbe Finger vom Kippen drehen. Ich bringe dir kein Glück und trotzdem harrst du aus. Hartnäckig über Tage und Wochen. Du verstopfst mein Siphon mit silbernen Locken und ich finde seit eineinhalb Jahren keine Silben auf linearem Papier. Weil es mir gut geht. Geht es mir gut, kann ich  nicht schreiben. Zwei Monate voller selbstgemachter Schmerzen habe ich gebraucht um Zeichen aneinander zu ketten. Ein Abend mit mir kostet 36€.
„Ich suche mich selber.“: Schwachsinn, den man erzählt, wenn man eine Ausrede sucht, um sich von seiner physischen Heimat zu trennen. Auf der Suche verliert man. Du verlierst Menschen, Geld und den Verstand. Du wolltest mein Therapeut sein, aber zwischen all diesen Kopfkissen und Bettdecken spüre ich dich nicht und du bist still. Ich höre dich nicht. Ich fühle mich grob, groß und gebrechlich. Ich schreibe Buchstaben, keine Bücher. Ich bin egozentrisch und beginne jeden Satz mit dem Personalpronomen, das ich bin.
Die große Motte am Hafen war ein Bote. Vermutlich ist sie von alleine gestorben, obwohl du sie vom Asphalt gerettet hast. In meinen Rippen hängen immer noch die Reste des Spreizers, aber das Zeitfenster ist geschlossen. Gab es dich oder warst du ein Hologramm, das von der anderen Seite der Keuzung herüberwinkt, schwarzen Kaffee trinkt und meine Symphyse einrenkt? Faserknorpel waren unsere Verbindung, doch jetzt esse ich Eis vor Flamingos.
Ich packe meine Koffer und nehme mit: Ein gebrochenes Hirn, denn ich habe kein Herz, einen Brotbackautomaten und ein Wörterbuch. Draussen, auf den Backsteinen erhoffe ich mir Heilung. Du versprichst mir ein ganzes Leben und ich kann noch nicht einmal mein Mittagessen planen. Zur Lebensbejahung fange ich mit dem Rauchen an, des Hustens und um des Lungen-Spürens willen.
Ich schreibe keine Songs, ich schreibe Trauerreden. Als guter Matrose, der ich bin, habe ich in jedem Hafen einen Menschen. Ich besitze keine Skinny Jeans und auch keine bunten Leggins. Ich bin 108 Jahre alt und trage nur meine verschrumpelte Haut. Menschen sind meine Drogen und Abstinenz fällt mir schwer. Anonym bin ich schon lange nicht mehr, man nennt mich „fahnenflüchtig“. Eine Heilung erwarte ich nicht, denn ich kratze meine Wunden blutig. Blutig, wie die Meere und brennend, wie die Städte. Ich lasse eure Augen regnen, aber sie löschen nicht die Brände, die ich hinterlasse. Ich kenne meinen Tod, er besteht aus spontaner Selbstentzündung. Texte leben von Abwechslung und nicht vom Subjekt, vom „Ich“ als Satzanfang. Und trotzdem bin ich mein Präfix.
Diese Straßen sind verletzt durch meinen Egoismus und es tut mir leid. Beschäftige dich bitte selbst, denn ich habe mit meinem Geist genug  zu tun. Freitag bis Sonntag sind ein Kompromiss, den ich nicht mehr eingehen wollte und 12 Stunden des Wachseins. Du verbringst die Nächte in Wäldern und hinter Theken, während meine selbstgebauten Brücken einstürzen. Deine Schuhe sind schmutzig, mein Konto ist leer und aus deiner Tasche fallen leere Beutel der letzten Nacht.
Was suchst du da in deinem Bücherregal? Keine Ahnung, vielleicht nur mich da irgendwo zwischen irgendwelchen Seiten. Und tatsächlich finde ich mich noch nicht einmal im Telefonbuch. Ein Abend mit mir kostet 36€, aber wenn du sparen möchtest, bleib einfach auf deiner Seite der Straße.

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  1. […] 36€ – aesthetische-erziehung.de […]

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