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Sesam, öffne dich

Ich bin kalt, ein Stein auch. Ich bin ein Stein. Aus jeder Ecke höre ich: »Komm aus dir raus!« und ich weiß gar nicht, aus welchem Ort ich eigentlich ausbrechen soll und ob ich das will. Denn in mir drin fühle ich mich die meiste Zeit ganz wohl.

Ende der Woche, fast der Anfang der Neuen. Ewige Grübeleien bestimmen meine Tage. Eine nie endende Landstraße. Glänzend, voller Rollsplitt. Ich bin barfuß. In sechs Jahren tanzt du auf meiner Hochzeit. Liebe ohne Leiden. Ein Jemand schleicht sich unaufgefordert an, legt sich um meine Schultern. Leise. Bringt alles aus dem Gleichgewicht. Verliert Haare an geheimen Stellen. Hinterlässt DNS. Pflanzt sich ein, Parasit.

Game over

Als ich aufwachte, war er längst gegangen. Ich kannte das von ihm, das übliche Verschwinden. Die Angst vor dem Sterben der Nacht und somit vor der Realität ließ ihn jedes Mal vor mir flüchten. Trotzdem trafen wir uns ein halbes Jahr regelmäßig immer wieder, um uns an der Gegenwart des Anderen zu ergötzen. Tranken zu viel Wein und tanzten über den nächtlich-dunklen Trottoir, weil uns die Türsteher keinen Einlass gewährten. Danach torkelten wir betrunken, halb von Alkohol und halb von der gegenseitigen Anziehung, zu ihm oder zu mir, um am

Beginne mit A

Du hast jetzt eine Freundin, hat man mir gesagt. Eine Richtige. Das macht dich herrlich unattraktiv. Aber jetzt zweifle ich daran, ob Du und ich wirklich statt gefunden haben. Gestern war ich für dich wie eine Schwester und ich musste meine inzestuösen Gedanken für mich behalten und heute – heute bist du noch nicht einmal an familiären Verhältnissen interessiert.

Ich bin ein vergessener Mensch. Ein Individuum, das trotz Bekannter und Freunde nie einen Weg in deren Gedächtnis findet, da die Person bei der Hierarchie der Wichtigkeit ganz hinten zaghaft aus der Reihe winkt. Stets wird meine Bedeutung von meiner Umgebung verdrängt, denn diese Bedeutung wurde mir pre- und postnatal nicht zugewiesen. Da wartet man, ich, stundenlang nebst Telefon und auf digitale Briefe. Aber

Im Park

Ein Kinderspielplatz ist ein verwunschener Ort, an dem Spritzen im Mondlicht glitzern und sich seine nächtlichen Besucher konzentriert Flüssigkeiten in die Venen rammen. Der süßliche Geruch von sommerlicher Hundescheiße brennt in meiner Nase. Teenieväter schieben

Ein Nachruf

Julia Feller Illustration Hand

Mein lieber Freund, du stahlst dich genauso schnell aus meinem Leben, wie du dich mit kleinen Gefälligkeiten und weißem Nougat versucht hast, ein Teil davon zu werden. Heute weiß ich, du warst nur fasziniert von dem Unbekannten. »Es gibt keine Freundschaft, nur Liebe

Der Kaffee schmeckt heute nicht. Kein Wunder, es ist ja schließlich Freitag. Sonntags hätte ich da vielleicht mehr Glück, aber es ist ja immer noch Freitag. Die Milch fehlt und die Person, die sie mir einschenkt auch. Hat sich aufgelöst, wie Puderzucker in einem Glas Wasser, an einem Freitag vor drei Wochen. Ich hätte es wissen müssen: Er trank immer Koffeinfreien. Des Bluthochdruckes wegen. Da sitze ich also missgelaunt in meiner Küche und starre auf den Aschenbecher, der vor mir steht. In ihm liegen friedlich die Haare, seine Überreste, die

Für einen kurzen Augenblick war ich mir unsicher, ob er mich überhaupt sah oder nur gedankenverloren in meine Richtung blickte. Aber je länger er aus der Distanz herüber sah, desto unangebrachter wurde die Dauer seines Starrens. Die Sekunde zwischen zufälligem Augenkontakt und unangebrachtem Beobachten war längst erreicht und mir wurde klar, dass ich Frontal in seinem Blickfeld stand und mich nicht befreien konnte. Da standen wir nun. Wie in einem Filmstill starrten wir uns im ungeschützten Gang des Supermarktes an. Ohne seinen Kopf oder seinen Körper zu bewegen, fing er

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